Digitaler Stress

RUBRIK: Mediennutzung

Immer erreichbar, nie erholt: 
Was digitaler Stress wirklich mit uns macht

Text: Carolin Makus
Layout: Carolin Makus

Wann haben Sie zuletzt Ihr Smartphone mehr als zwei Stunden nicht angeschaut – ganz bewusst, ohne schlechtes Gewissen? Für viele Menschen in Deutschland ist das keine leichte Frage. Eine neue Studie der IU Internationalen Hochschule, die im Mai 2026 veröffentlicht wurde, zeigt: Das permanente Online-Sein ist längst kein persönliches Problem mehr, sondern ein gesellschaftlicher Dauerzustand – mit handfesten gesundheitlichen Folgen.

Vom Morgen bis zur Nacht: Das Smartphone als ständiger Begleiter

Über 61 Prozent der 2.000 befragten Deutschen schauen täglich mindestens drei Mal auf ihr Smartphone – viele weitaus öfter. 36 Prozent greifen innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Aufwachen zum Gerät, 40 Prozent noch kurz vor dem Einschlafen. Das Handy rahmt den Tag – und damit auch den Schlaf.

Was steckt dahinter? Kein mangelnder Wille, sondern ein neuropsychologischer Mechanismus: Jedes Mal, wenn wir zum Smartphone greifen, schüttet das Gehirn einen kleinen Moment Belohnung aus – eine neue Nachricht, ein Like, ein sozialer Impuls. Das Gehirn lernt: „Checken lohnt sich." Und so wiederholt sich das Verhalten, bis es zur Gewohnheit geworden ist. 64,6 Prozent der Befragten geben zu, das Gerät zur Ablenkung zu nutzen, wenn sie schlecht gelaunt sind – bei jungen Erwachsenen liegt dieser Wert sogar bei knapp 80 Prozent.

Das unterschätzte Problem: Stress, den man nicht als Stress erkennt

Besonders aufschlussreich ist eine Diskrepanz, die die Studie aufdeckt: Viele Menschen glauben, ihre Nutzung gut im Griff zu haben – und spüren gleichzeitig den Druck, den sie erzeugt. 56 Prozent würden gerne häufiger offline sein, als sie es tatsächlich sind. 47,1 Prozent empfinden die ständige digitale Erreichbarkeit als belastend. Und 55,9 Prozent geben an, ihr Smartphone eigentlich nicht länger ignorieren zu können.

Was hält die Menschen davon ab, einfach das Gerät wegzulegen? Nicht Faulheit oder fehlende Einsicht – sondern sozialer Erwartungsdruck, Normen und die Angst, etwas zu verpassen. Mehr als ein Drittel der Befragten leidet unter FOMO (Fear of Missing Out): dem diffusen Gefühl, offline den Anschluss zu verlieren.

Wer oder was stresst uns digital?

Die Studie benennt konkrete Auslöser. An erster Stelle steht das Gefühl, jederzeit erreichbar sein zu müssen: 42,2 Prozent der Befragten empfinden dies sowohl privat als auch beruflich als Verpflichtung. Den stärksten Erwartungsdruck erzeugen dabei Familie und Beruf – zwei Lebensbereiche, in denen Nicht-Reagieren schnell als Desinteresse oder Pflichtvergessenheit interpretiert wird.

Hinzu kommt das ununterbrochene Nachrichtenstrom: Push-Benachrichtigungen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Reaktion drängen, unterbrechen Konzentration und Erholung gleichermaßen. Das ist kein Zufall – es ist das Geschäftsmodell vieler digitaler Plattformen.

Bild von Fuzz auf Pixabay (Flugbild)

(Bild von rmartinr auf Pixabay)

Was digitaler Stress anrichtet – körperlich und psychisch

Die Folgen sind messbar. 44,2 Prozent der Befragten haben dauerhaft das Gefühl, „auf Empfang" zu sein – ein Zustand, in dem das Gehirn nie wirklich abschaltet. 51,7 Prozent berichten, dass ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Dingen springt. 37,2 Prozent brauchen nach digitalen Unterbrechungen deutlich länger, um wieder konzentriert arbeiten zu können. Und fast ein Drittel fühlt sich täglich emotional oder mental erschöpft – Schlafprobleme inklusive.

44,3 Prozent fühlen sich von der Menge digitaler Informationen schlicht überfordert. Der Körper reagiert auf das, was der Kopf längst als normal akzeptiert hat.

Was hilft – und wer in der Pflicht ist

Prof. Dr. Stefanie André und Prof. Dr. Timo Kortsch, die beiden Expertinnen und Experten hinter der Studie, sind sich einig: Die Lösung liegt nicht darin, Menschen noch belastbarer zu machen. Die entscheidende Frage ist, wie Bedingungen geschaffen werden können, unter denen Regulation und Erholung überhaupt wieder möglich sind.

Auf individueller Ebene helfen konkrete Maßnahmen: Push-Benachrichtigungen gezielt reduzieren, feste Zeiten fürs Nachrichtenschauen einplanen, das Smartphone abends aus dem Schlafzimmer verbannen. 59 Prozent der Befragten nehmen sich bereits bewusst Zeiten, in denen sie nicht erreichbar sind – ein Zeichen, dass das Bewusstsein wächst.

Doch individuelle Maßnahmen reichen nicht aus. Unternehmen sind gefordert, klare und verbindliche Regeln zur Erreichbarkeit einzuführen – nicht als bürokratische Vorgabe, sondern um stillen Erwartungsdruck strukturell abzubauen. Und auf gesellschaftlicher Ebene braucht es ein stärkeres „Right to disconnect", das insbesondere junge Menschen vor den Mechanismen schützt, die digitalen Stress überhaupt erst erzeugen.

Fazit: Erholung ist keine Kür

Die IU-Studie macht deutlich, dass digitaler Stress kein Randphänomen ist – er betrifft die Mehrheit der Bevölkerung, quer durch alle Altersgruppen. Was fehlt, ist nicht der gute Wille. Was fehlt, sind die Bedingungen, die echte Erholung erlauben. Denn wer sich dauerhaft nicht erholt, verliert auf lange Sicht Konzentration, Gesundheit und Lebensqualität. Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis dieser Studie eine ganz einfache: Offline zu sein ist kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit.

App-Empfehlung aus der Redaktion: detoxi – Die App gegen digitalen Stress 

Carolin Makus, Alterswissenschaftlerin (B. A.)

Smartphone-Sucht, Informationsflut, ständige Erreichbarkeit – digitaler Stress gehört für viele Menschen in Deutschland längst zum Alltag. Die App detoxi Health setzt genau hier an: Sie bietet ein strukturiertes Präventionsprogramm, das dabei helfen soll, den eigenen Umgang mit digitalen Medien bewusster zu gestalten und langfristig zu verbessern.

Detoxi ist eine Gesundheits-App, die unter dem Begriff „Digitale Stressbewältigung" ein zwölf Monate zugängliches Kursprogramm anbietet. Der Kern des Angebots besteht aus 40 Missionen, die Nutzerinnen und Nutzer innerhalb von 63 Tagen absolvieren. Die Inhalte wurden mit psychologischem Expertenwissen entwickelt und sollen helfen, digitale Gewohnheiten zu reflektieren, Stressquellen zu identifizieren und konkrete Strategien für eine bessere Screen-Life-Balance zu erarbeiten.

Die App richtet sich an Erwachsene, die ihren Umgang mit Smartphone, Social Media und digitaler Dauerbereitschaft verbessern möchten. Ein Selbsttest auf der Website hilft dabei einzuschätzen, ob und in welchem Ausmaß man selbst von digitalem Stress betroffen ist.

Kosten und Krankenkassenerstattung

Das Programm kostet einmalig 99,99 Euro für zwölf Monate Vollzugang. Besonders relevant: detoxi Health kooperiert mit allen gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland. Je nach Kasse werden bis zu 100 Prozent der Kosten erstattet – einige Kassen rechnen sogar direkt mit dem Anbieter ab, sodass für Versicherte keine Vorleistung nötig ist.

Voraussetzung für die Erstattung ist die erfolgreiche Teilnahme: Wer alle 40 Missionen innerhalb der vorgesehenen 63 Tage abschließt, erhält ein digitales Teilnahmezertifikat per E-Mail. Dieses Zertifikat – zusammen mit dem Kaufbeleg – wird bei der Krankenkasse eingereicht, um die Erstattung zu beantragen. Wichtig: Manche Kassen begrenzen die Anzahl erstattungsfähiger Präventionsmaßnahmen auf ein bis zwei pro Jahr.

Die App bewegt sich im wachsenden Bereich der digitalen Prävention – einem Feld, das angesichts steigender Stresswerte durch Smartphone- und Medienkonsum zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dass gesetzliche Krankenkassen solche Angebote fördern, zeigt, dass digitaler Stress inzwischen auch auf gesundheitspolitischer Ebene als ernstzunehmendes Thema anerkannt wird.

Die App ist für iOS und Android verfügbar und kann über den jeweiligen App Store oder per QR-Code auf der Website heruntergeladen werden.

(Grafik von detoxi Health GmbH)

Quellen:

  • IU Internationale Hochschule, „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland", veröffentlicht am 21. Mai 2026, n=2.000 Befragte zwischen 16 und 65 Jahren. Online abgerufen von https://www.iu.de/forschung/studien/digitaler-stress/#, am: 21.05.2026
  • detoxi Health GmbH, detoxi Website. Online abgerufen von https://detoxi.info, am: 21.05.2026
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